ÖNGENE
Österreichische Nationalvereinigung für Genreserven
Bericht von Dr. Franz Fischerleitner (Geschäftsführer ÖNGENE)
www.oengene.at
„Jeder Mensch lebt von einem Stück Erde. Irgendwo auf der Welt muss es einen Acker geben, auf dem sein Brot wächst und wenn dieser Acker nicht mehr trägt, muss irgendwo ein Mensch verhungern" (K.H. Waggerl)

Diese unsere Erde hat im Laufe von Jahrmillionen eine fast unerschöpfliche Vielfalt an Pflanzen und Tieren hervorgebracht, die wir Biodiversität nennen.
Wir Menschen leben im Umfeld dieser biologischen Vielfalt, sind selbst ein Teil davon und nützen sie, indem wir Nahrung, Medikamente und viele weitere Produkte des täglichen Lebens daraus schöpfen.
Vor über 12000 Jahren begannen die Menschen mit der Kultivierung von Wildpflanzen und der Domestikation der Nahrungstieren und gliederten sie in den Hausstand ein. Seither begleiten Kulturpflanzen und Haustiere den Menschen. Das ökosoziale Gefüge der Menschheit wurde dadurch entscheidend verändert. Die nomadenhafte Nahrungssuche durch Jagen und Sammeln wurde allmähliche durch ortsgebundene Anbau von Nutzpflanzen und Haltung von Nutztieren verdrängt. Der Mensch wurde sesshaft und es eröffnete sich die Möglichkeit Siedlungen zu gründen, später Städte und Staaten zu bilden und Hochkulturen zu entwickeln, in denen durch Zucht und Auslese die Nutztiere immer mehr und mehr auf die Bedürfnisse des Menschen abgestimmt worden sind.
Etwa 4000 landwirtschaftliche Nutztierrassen wurden aus ca. 40 verschiedenen Wildtierarten weltweit domestiziert. Die domestikationsbedingten Veränderungen waren enorm und wurden teils unbewusst, teils durch gezielte Selektion vorgenommen. Massive Umformungen am Skelettsystem veränderten Gestallt und Größe und eröffneten die Möglichkeit zu besserem Fleisch- und Fettansatz. Verhaltensveränderungen und Zunahme der Fruchtbarkeit erlaubten gezielte Vermehrungszucht und die Nutzung der tierischen Milchdrüsen.
Am schnellsten änderte sich in der Domestikation die Färbung der Tiere, weil bestimmte Farben nicht nur züchterischen, sondern auch religiösen Werten zugeordnet wurden. Die Vielfalt der Farben domestizierter Tiere gegenüber Wildtieren ist auffällig groß. Scheckungen, Fleckungen, Tigerungen und Stromungen sowie die Färbung gelb, rot, braun, weiß und schwarz dominieren. Gleichzeitig wurde auch die Fell- und Wollqualität beeinflusst.
Aber auch die Verringerung der Leistung der Sinnesorgane sowie die Reduktion der Hirngröße und bestimmte funktioneller Systeme des Zentralnervensystems sind bemerkenswerte Domestikationserscheinungen, weil überlebensrelevante Aufgaben wegfielen und der Mensch auch eine Schutzfunktion für seine Tiere übernahm.

Die gegenwärtige Vielfalt an landwirtschaftlichen Nutztierrassen (NTR) enstand also während jahrtausendlanger Zeiträume kontinuierlicher Domestikation- und Selektionsprozesse. Daher stellen die landwirtschaftlichen NTR ein fast unerschöpfliches genetisches Potential dar, weil das Entwicklungsumfeld (Standort) und die „Wünsche" der Menschen (natürlich auch künstliche Selektion) die Ausprägung verschiedener gezielter oder teilweise auch zufällig entstandener Genotypen begünstigt hat. Diese verschiedenartigste Ausprägung (Variation) der Genotypen wird als genetische Vielfalt bezeichnet und ist eine Besonderheit der Nutztierrassen.
Sie stellt die Grundlage für die Umwelteignung, Klimaverträglichkeit, Krankheitsresistenz sowie für die qualitative und quantitative Leistungsbereitschaft der Rassen und für die Güte und Verträglichkeit der erzeugten Lebensmittel dar und liefert einen bedeutenden Beitrag zur gesunden Ernährung des Menschen.
Der ständige anhaltenden Druck in der Landwirtschaft, möglichst viele und vor allem kostengünstige tierische Nahrungsmittel auf den Markt bzw. Welthandel bringen zu müssen, hat besonders leistungsfähige, den Konsumentenwünschen entsprechende Rassen begünstigt, die auf Grund spezieller künstlicher Selektion und unter Anwendung züchterischer Biotechniken noch „wirtschaftlicher" gemacht. Diese „modernen" Rassen verdrängen bzw. gefährden den Bestand gegenwärtig weniger wirtschaftlicher, alter Rassen und sind im Allgemeinen verantwortlich für den Rückgang der ursprünglichen großen Rassenvielfalt und im Besonderen für den Verlust an genetischer Vielfalt. Verlorene Genotypen bzw. verloren gegangene genetische Vielfalt sind für immer verloren und auch trotz großer wissenschaftlicher Fortschritte der Gentechnik unwiederbringlich.
Die Erhaltung gefährdeter NTR gewinnt somit immer mehr an Bedeutung und besitzt einen hohen Stellenwert in der Medienwelt, sowie große Akzeptanz in politischen Kreisen und in der gesamten Bevölkerung.
Es ist daher eine besondere Aufgabe des Staates und der Landwirtschaft, gefährdete NTR und ihre über lange Zeiträume evolutionär und züchterisch entstandenen genetischen Vielfalt zu erhalten. Diese Rassen sind Kulturgut und gleichzeitig Rückhalt und Basis für künftige züchterische Fortschritte.
Die ÖNGENE - Österreichische Nationalvereinigung für Genreserven bemüht sich seit 20 Jahren um den Erhalt gefährdeter NTR und hat in enger Zusammenarbeit mit dem BMLFUW, den Tierzuchtorganisationen der Bundesländer und privaten Vereinen ein GENERHALTUNGSPROGRAMM erarbeitet.

Dieses Generhaltungsprogramm sieht nicht nur die Aufrechterhaltung bzw. Erweiterung der zahlenmäßig kleinen Population einer NTR vor, sondern berücksichtigt speziell die Erhaltung der genetischen Variabilität, also der unterschiedlichen Ausprägung jener erwünschten Gene, die für die Anpassungsfähigkeit an sich ständig verändernde Umweltbedingungen sowie für die Fitness und Leistungsfähigkeit einer Rasse verantwortlich sind.